09.10.2018

Ein zweites Haus

„Home Office“ einmal anders: Nur ein paar Schritte bis zum Haupthaus, aber keine Ablenkung weit und breit. Foto: Fotolia

Das Gartenhaus kann Wohlfühl-Oase, Arbeitsplatz oder Hobby-Hochburg sein. Doch ganz gleich, wie es genutzt wird: Es ist imstande, das persönliche Gartengefühl um eine exklusive Facette zu bereichern.

Vorbei sind die Zeiten, in denen sich Gartenbesitzer mit schnöden Geräteschuppen zufriedengaben. In den vergangenen Jahren ist daher ein Markt für Gartenhäuser in allen möglichen Farben, Formen und Funktionen entstanden. Diese Entwicklung überrascht nicht: Wo Wohlstand gedeiht, profitiert das private Grün hierzulande ganz zwangsläufig - denn die Deutschen lieben ihre Gärten. Zahlen vom Bundesverband Garten,- Landschafts- und Sportplatzbau (BGL) belegen das eindrucksvoll: Seit Jahren erfreut sich die GaLaBau-Branche steigender Umsätze - auf zuletzt 7,87 Milliarden Euro (2017). Das Entscheidende hierbei: Es sind nicht etwa die Kommunen, die den Landschaftsgärtnern mit Pflegeaufträgen fürs öffentliche Grün Rückenwind verleihen, sondern das Privatkunden-Segment. Mit rund 60 Prozent machen sie den Löwenanteil der GaLaBau-Gewinne aus.




Vor allem in den USA sind mobile Kleinsthäuser eine echte Alternative zum Wohnmobil. Foto: Guillaume Dutilh, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0
Urlaubsgefühl am Feierabend durch eine Gartenhaus-Lounge. Foto: Blockhausbau Hummel

Vom Geräteschuppen bis zum Pool-Pavillon

Wer auf Basis dieser Zahlen wohlhabende Senioren vor Augen hat, die sich einen Luxus-Pavillon in den Garten stellen, erfasst nur einen Teil der Wahrheit. Der Vormarsch der Gartenhäuser ist von großer Vielfalt geprägt, wodurch sie sie zu weit mehr werden als bloßen Accessoires. Funktionalität und Ästhetik schließen sich in diesem Fall nicht aus, sondern bedingen einander. Der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Gartenhäuser können als Geräteschuppen 2.0 genutzt werden - nur eben in merklich schönerem Design als früher. Sie können aber auch wahre Aufenthaltsqualität bieten, indem sie als Extrazimmer im Garten inszeniert werden. Die Nutzungsmöglichkeiten sind auch hier breit gefächert. Ob kameradschaftliches Schwitzen im Sauna-haus oder ein romantisches Dinner im Pool-Pavillon - gemeinsame Stunden können durch das zweite Haus im Garten das gewisse Etwas erhalten. Schließlich entführen die Gartenhäuser gekonnt aus der Alltäglichkeit der eigenen vier Wände.

So entspannt es sich noch viel besser: Sollte ein Regenschauer aufziehen, sind es nur ein paar Schritte ins Gartenhaus, wo man weiter in Ruhe relaxen kann. Foto: Pavillonbau Kötter
Gartenhäuser können auch als rustikale Scheunenzitate inszeniert werden, wie hier im "Auszeitgarten" auf der Landesgartenschau Würzburg 2018. Foto: Marietta Jakob/LGS Würzburg

Sozialen Stress abbauen

Möchte man es pragmatisch angehen, kann man das Gartenhaus auch als Duschraum einrichten lassen. Sicher keine schlechte Idee, wenn die Kinder im Sommer durch den Garten toben oder man sich mit Freunden beim Badminton verausgabt. Edle Mini-Duschhäuser ersparen den Sportbegeisterten nicht nur den Weg zurück ins Haupthaus, sie können auch dem morgendlichen Gerangel um die benötigte Badezimmerzeit vorbeugen - vor allem, wenn man Übernachtungsgäste hat. Sozialen Stress abzumildern ist ohnehin die heimliche Kernkompetenz des Gartenhauses. Denn wer kennt sie nicht, die "Man Cave" (dt.: Männerhöhle), angeblich der Schlüssel zu einer langen und glücklichen Ehe? Was früher der Bastelkeller oder die Garage war, kann heute das Gartenhaus sein: Ein Rückzugsraum für die Herren der Schöpfung, in dem sie ihren mitunter spleenigen Hobbys nachgehen können.

Unweit des Haupthauses bieten Gartenhäuser die Möglichkeit, dem Alltag zu entfliehen. Foto: gartana
Die Tiny Houses in den Würzburger Schaugärten demonstrieren einen Wohntrend, der von äußerstem Minimalismus geprägt ist. Foto: Milena Schlosser/LGS Würzburg
Gartenhäuser können auch als überdachtes Esszimmer am Pool zum Einsatz kommen. Foto: Blockhausbau Hummel

Das Phänomen "Tiny Houses"

Es gibt eine weitere Spielart der Gartenhäuser, die derzeit für Aufsehen sorgt: Die "Tiny Houses" (dt.: Kleinsthäuser). Im Gegensatz zu Pavillon und Saunahaus bilden sie keine Ergänzung zum Alltag, sie werden zum Alltag. Die minimalistischen Behausungen sollen die Grundfunktionen des Wohnens - Schlafen, Kochen, Essen, sanitäre Nutzung - erfüllen. Dabei beschwören sie auch ein Wohnzimmergefühl an der frischen Luft herauf - denn sie sind so klein, dass ihre Bewohner ganz zwangsläufig viel mehr Zeit im Freien verbringen. In dem Punkt sind die Tiny Houses beispielsweise Wohnmobilen nicht unähnlich. Das ist kein Zufall: Die Ursprünge der Tiny House-Bewegung liegen in den USA, wo die Kleinsthäuser häufig auf Rädern mit ihren Besitzern auf Reisen gehen. Hierzulande stellt sich die Situation anders dar. Wo der Amerikaner mit seinem Tiny House dem Horizont entgegenstrebt, ist der Deutsche weniger pathosgeladen: Bei uns geht die Debatte über die Kleinsthäuser in eine ganz andere Richtung. Zwar spielt auch hier das persönliche Freiheitsgefühl eine Rolle, doch im Vordergrund steht der pragmatische Umgang mit Wohnraummangel. Eine Vorreiterin in dem Diskurs ist dabei die Landesgartenschau Würzburg, auf der Tiny Houses die dortigen Schaugärten zieren. Bei den Besuchern kommen sie so gut an, dass die Veranstalter schon Übernachtungsanfragen erhalten haben. Doch damit nicht genug: Womöglich steht den Tiny Houses im Fränkischen auch eine interessante Nachnutzungskarriere bevor. Verschiedene Start-Ups möchten die Kleinsthäuser nach dem Ende der Gartenschau als Büroräume beziehen. hb