11.07.2019

Fokus Grün

Wertsteigerung ist per Astschere möglich

Blick fürs Detail: Professionelle Baumpfleger schneiden gezielt auf einen sogenannten Zugast. Dadurch verheilt die Wunde zügig und es wird ein harmonisches Gesamtbild erzielt. Foto: GMH/Fachverband geprüfter Baumpfleger

Welchen Wert hat ein Baum - nicht für die Allgemeinheit, sondern ganz konkret für die Grundstücksbesitzer? "Baumgutachter können den Wert eines vorhandenen Bestands oder Einzelbaums auch monetär ziemlich klar beziffern. Ein schön gewachsener Baum erhöht den Grundstückswert schon nach wenigen Standjahren um mehrere Tausend Euro, eine ausgewachsene Eiche oder Kastanie kann in die Zehntausende gehen", weiß Torsten Drübert vom Fachverband geprüfter Baumpfleger.

Pflegefehler

Der erfahrene Baumpfleger ist selbst immer wieder als Gutachter tätig und kennt die überraschten Blicke, die oft auf seine Bewertung folgen. Oder auch den Frust. "Wenn bei einem geplanten Immobilienverkauf klar wird, dass Pflegefehler der Vergangenheit nun den Grundstückswert mindern, ärgern sich viele ganz gewaltig", berichtet Drübert. "Es braucht nicht viel, um ein paar Tausend Euro zu vernichten, nur eine Säge und den Willen, ein bisschen Geld zu sparen."

Professioneller Baumschnitt

Was paradox klingt, ist für den Baumexperten Alltag: "Viele Leute wollen sich das Geld für einen professionellen Baumschnitt sparen und legen selbst Hand an. Soweit, so verständlich. Aber wenn man sich mit der Physiologie eines Baums nicht auskennt, enden solche Aktionen eben oft im Desaster. Viele Bäume werden regelrecht verkrüppelt, entwickeln einen völlig untypischen Wuchs oder erweisen sich als windbruchgefährdet. Erst, wenn das offensichtlich zutage tritt, wird ein professioneller Baumpfleger gerufen." Aber warum muss man einen Baum überhaupt schneiden, in der Natur macht es doch auch keiner?

In der freien Natur wächst ein Baum wie er will. Hier ist es aber auch zweitrangig, wenn er nicht standfest ist oder eine Doppelspitze und andere Sollbruchstellen entwickelt. Dann brechen die betreffenden Äste eben ab oder der Baum fällt beim nächsten Sturm um - sei's drum, totes Holz ist im Biotop Wald ebenso wertvoll wie lebende Gehölze. "Wo Menschen leben oder sich fortbewegen, ist die Ausgangslage aber eine völlig andere, hier ist die Verkehrssicherheit von größter Bedeutung", bringt es Torsten Drübert auf den Punkt. "Unser Ziel ist daher ein vitaler Baum mit einem durchgängigen Stamm und ganz klar untergeordneten Ästen ohne Bruchgefahr. Außerdem muss der Baum aufgeastet werden, um das gesetzlich vorgeschriebene Luftraumprofil einzuhalten - sprich über einem Fußgängerweg muss ein Raum von mindestens 2,5 Meter Höhe frei bleiben und über einer Straße von mindestens 4,5 Meter."

Ästhetischer Aspekt

Hinzu kommt noch der ästhetische Aspekt: "Der Baumcharakter soll trotz der Schnittmaßnahmen erhalten bleiben: Man muss am Aufbau auf den ersten Blick erkennen können, ob es sich beispielsweise um eine Buche oder um eine Linde handelt. Einen gelungenen Schnitt sieht man später nicht mehr", erklärt der Baumfachmann.

Für das städtischen Grün übernehmen die Kommunen die Baumpflege beziehungsweise übertragen sie an professionelle Baumpflegebetriebe. Im Vorgarten und Garten jedoch sind die Grundstücksbesitzer für die Verkehrssicherheit des Baumbestands verantwortlich. Bei der Pflege kommt es vor allem auf die frühen Standjahre an: Der korrekte Erziehungs- und Aufbauschnitt bildet die Grundlage für ästhetisch ansprechende und jahrzehntelang vitale Bäume.

"Je früher wir nach der Pflanzung hinzugezogen werden, desto einfacher und kostengünstiger ist der Schnitt. Wir müssen auch gar nicht jährlich anrücken, alle drei Jahre reicht meist völlig aus", erläutert Torsten Drübert. "Einen jahrelang wild gewachsenen Baum bekommen wir meist ebenfalls noch eingefangen, aber der Aufwand ist dann deutlich höher." Wirklich traurig sind für ihn die Einsätze, bei denen er nur noch einen Totalschaden feststellen kann. "Natürlich fällen wir auch Bäume, aber wirklich ungern, das tut einem mitunter in der Seele weh. Daher versuche ich, frühzeitig den Blick der Menschen für den Wert des Baums zu schärfen - dann können wir uns in den folgenden Jahrzehnten gemeinsam über seine tolle Entwicklung freuen." GMH